Warum ich keine Literaturkritikerin bin ...

Mittwoch, 8. Juni 2016


Unter Journalisten und Literaturwissenschaftlern macht sich ein neues Hobby allzu beliebt: Buchblogger-Ranting. Schimpfen und meckern in schlecht recherchierten Artikeln, die vor Vorurteilen und Arroganz nur so strotzen. Nach Harun MayeTim Neshitov und Ana Maria Michel, legt jetzt Oliver Jungen mit einem Artikel über die LitBlog Convention in der FAZ noch einmal nach. Dass sich mit mir nun die vierte Literaturbloggerin zu diesem Artikel meldet, ist an sich schon eine Ironie, denn eigentlich dürften wir uns doch für den Feuilleton überhaupt nicht interessieren, geschweige denn ihn lesen.

Anstatt in seinem Artikel über die Rolle von Buchbloggern für das Marketing der Verlage zu sprechen, über die Auswirkung auf Verkaufszahlen oder die Bedeutung der Blogs für die Leser, stellt sich Oliver Jungen brav in eine Reihe mit seinen anderen Kollegen und hetzt bis aufs Blut gegen junge Menschen, die gerne lesen und sich über das Gelesene austauschen. Schon in den ersten Zeilen wird deutlich, das Bloggen über Literatur noch schlimmer und unerstrebenswerter ist, als mit zerrissenen Feinstrumpfhosen, Biker Boots und bunt gefärbten Haaren auf einem Rockkonzert zu tanzen. 

Sie lesen. Gemeint ist nicht das kontemplative Lesen, [...] sondern das exzessiv mitteilsame, das geschminkte Lesen. Sie nennen sich Literaturblogger, rutschen mit dem Geschrei durch den Bestsellerschlamm und halten bei YouTube reihenweise beschwärmte Titel in die Kamera, von denen man in den Feuilletons des Landes nicht einmal ahnt, dass sie existieren.

Zur Erinnerung: Jahrelang echauffierten sich Journalisten und Gesellschaftswissenschaftler darüber, wie wenig Jugendliche lesen würden, obwohl Verkaufszahlen der Verlage und Studien das Gegenteil bewiesen. Was denn nun? Das Nicht-Lesen ist den Herrschaften vom Feuilleton nicht recht, das aktive Austauschen über Bücher aber auch nicht. Warum nicht? Nun weil es geschminktes Lesen ist, und darunter verstehe ich, dass diesen Lesen nicht echt ist. Es ist aufgeschminkt, eine Maske, eine Illusion. Worum es in den Büchern geht, die wir da vor die Kamera halten und in den Himmel loben, das wissen wir ja eigentlich gar nicht.

Gegenfrage, lieber Herr Jungen: Warum sollte ich meine Freizeit mit einer Masquerade verbringen? Oder schwebt ihnen bei kontemplativ das ruhige Mädchen vor, das ihre Trivialliteratur heimlich im stillen Kämmerlein lesen soll, um die großen Männer des Feuilleton nicht mit ihren Gedanken dazu zu belästigen? Wenn ja, dann ist diese Vorstellung um einiges widerlicher, als die des aufgedrehten Modepüppchens, das nur Bücher in die Kamera hält, um klug zu wirken. 

Es geht um Fantum, Gemeinschaft und den offenbar unvergänglichen Traum junger Frauen allein unter Spaniern zu landen.

Es fällt mir schwer bei diesen Worten nicht sarkastisch zu werden... Ja, es geht um Begeisterung, die Begeisterung für das geschriebene Wort. Ja es geht um die Gemeinschaft, die aus wundervollen Menschen besteht, mit denen man sich gerne über die Leidenschaft für Bücher austauscht. Nichts ist anregender als mit jemand anderem über ein Buch zu diskutieren, da werden Sie mir doch zustimmen, oder? Das mit den Spaniern ist ausgemachter Blödsinn. Ebenso, dass unsere männlichen Kollegen Veranstaltungen wie die Litblog Convention nur besuchen, um Frauen aufzureißen. Welch wahrhaft intelligenten Aussagen!

Da wurde allmählich klar, dass das hier alles ein Missverständnis war. Romane haben für diese Szene nichts mit Stil und also Literatur zu tun, sondern allein mit Handlung, die am besten auch nur minimal variiert wird (der Spanier-Plot).

Was ist Literatur? Literatur, die (von lat. literatura = Buchstabenschrift) Schrifttum, dem Wortsinn nach jede Art von Schriftwerk, von wissenschaftlichen Arbeiten über Briefe und Zeitungen bis hin zur Belletristik. Jeder Roman ist Literatur. Entscheidender ist, was der Leser unter Literatur versteht. Marcel Reich-Ranicki, DER Literaturkritiker schlechthin, trifft mit seinen Worten genau ins Schwarze, denn so verstehe auch ich den Begriff Literatur:

Literatur muss Spaß machen. Sie soll den Menschen Freude, Vergnügen und Spaß bereiten und sogar Glück." (Spiegel Ausgabe 25/2001)

Herr Jungen, welches Recht nehmen Sie sich also heraus, so über junge Menschen zu urteilen, die die Leidenschaft und Begeisterung für Bücher eint und sich darüber online austauschen. Mit welchem Recht, beleidigen Sie mich als anspruchslos und werfen mir vor, ich verkenne die wahre und echte Literatur und sei nur daran interessiert meine niederen, weiblichen Instinkte zu stillen. Ich entschuldige mich vielmals, dass ich es mir als freier Mensch in einer freien Welt herausnehme, mir meine Lektüre selbst auszusuchen. Mit welchem Recht, beleidigen Sie Autoren und ihre Werke, in denen so viel Herzblut und Zeit steckt. Mehr Zeit und Herzblut als Sie jemals in ihren Hetz-Artikel investiert haben. P.S.: Ich schätze es durchaus, wenn ein Autor, mir nicht den 08/15-Plot präsentiert, der vor seinem Werk schon 1 Millionen Mal da gewesen war.

ES FOLGT: EIN REZENSION ZU WIE ENTSTEHT EIN MEGA-BESTSELLER? VON OLIVER JUNGEN

Auf Oliver Jungens Artikel bin ich schnell aufmerksam geworden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, kurz FAZ, ist eine meiner liebsten Tageszeitungen, um mich zu informieren, sei es über Politik, Wirtschaft oder eben Literatur. Da ich selber nicht bei der Litblog Convention war, ist ein Bericht der klassischen Presse umso interessanter. Nur dass Oliver Jungens Artikel kein Bericht war, sondern eine Stammtisch-Parole, eine Hetzschrift gegen Buchblogger. Der Schreibstil lässt sich zusammenfassen als klassischer Stil einer Zeitung. Kurz und knapp. Mut zum Punkt. Ganz so wie ich es selbst in meiner Zeit als Nachwuchs-Journalistin meiner Lokalzeitung gelernt habe. Kurz musste Oliver Jungen sich auch halten, denn der Platz, um all seine Vorurteile und Lästereien über das schlimmste Übel unserer Zeit unterzukriegen, ist bemessen. Schon nach wenigen Zeilen wird man beleidigt: Wir, die Literaturblogger, seinen geschminkt, unser Interesse an Literatur nur geheuchelt und gespielt, denn eigentlich seien wir doch alle nur kreischende, sexgeile junge Frauen, die sich in den beliebten Schmachtfetzen ihren Tagträumen diversen Männern hingeben. Der Autor ist über alle Maßen arrogant und überheblich, was sich vor allem dadurch zeigt, dass er während der Convention sich scheinbar nicht dazu herabgelassen hat, auch mit nur einem einzigen Blogger zu sprechen. Stattdessen nutzt er sein ganzes Talent als Feuilleton-Journalist um einen Artikel zu verfassen, die jedes 08/15-Klischee der "verdorbenen" Jugend ins Feld führt, das auch seine Kollegen zuvor schon angesprochen haben. Ist das die Professionalität des Feuilletons? Denn dann höre ich sofort auf, Feuilleton zu lesen. Fazit: Dieser Artikel ist eine Beleidigung für Autoren, Leser und jeden Menschen der Literatur und das geschriebene Wort liebt. Lieber Herr Jungen, ein Satz mit x: Da war wohl nix! 0 von 5 Sternen.

Und am Ende "wurde allmählich klar, dass das hier alles ein Missverständnis war". Liebe Feuilleton-Journalisten, liebe Literaturkritiker, ich bin eine Literaturbloggerin. Ich behaupte nicht, ich sei eine professionelle Kritikerin und es liegt mir fern eine zu werden, wenn man sich in die Gesellschaft von solchen Menschen begibt, die hier und heute zur Sprache kamen und den Anschluss an das 21. Jahrhundert offensichtlich verpasst haben. Da bleibe ich lieber auf meinem dilettantischen Blog in der besten Community dieses Landes. Wir sind offen, intelligent, modern, jung - wir sind die Zukunft! Bis zur nächsten Litblog Convention! Mit diesem Worten werde ich mich nun in die Arme meiner heißgeliebten Spanier begeben.

Hochachtungsvoll,
eine durch den Bestsellerschlamm rutschende Literaturbloggerin

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Die Zitate, ausgenommen jenes von Marcel Reich-Ranicki, wurden dem Artikel Wie ensteht ein Mega-Bestseller? Heißkalte Küsse: Verlage umwerben Buchblogger mit einer "Litblog Convention" in Köln von Oliver Jungen entnommen, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 06.06.2016

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