Gelesen | Anna Carey: Eve & Caleb (1) - Wo Licht war

Mittwoch, 4. November 2015

Loewe (2013) | Taschenbuch | 300 Seiten | 8,95€ | Eve & Caleb | Leseprobe? Hier entlang!
Seit ihre Mutter während der Großen Seuche vor 16 Jahren gestorben ist, lebt Eve in einem Mädcheninternat. Hier wird sie zu einem wertvollen Mitglied der neuen Gesellschaft ausgebildet - glaubt sie zumindest. Als Eve erkennt. wie sehr sie und die anderen Mädchen ausgebeutet werden sollen, flieht sie. Doch auf ein Überleben in der Wildnis und auf die Flucht vor den Soldaten des Neuen Amerikas ist Eve nicht vorbereitet. Unerwartet hilft ihr Caleb, ein junger Rebell. Kann Eve ihm trauen? Sie weiß, die Soldaten werden die Suche nicht aufgeben, und Caleb ist ihre einzige Möglichkeit zu überleben. Sie muss ihr Leben in die Hände eines Fremden legen.

Buchgedanken

Mit dem ersten Band von Eve & Caleb - Wo Licht war - wage ich mich nach einem guten Vierteljahr mal wieder an eine Dystopie und erfülle mir einen lang ersehnten Lesewunsch. Doch muss ich gestehen, dass mich Anna Careys Jugendbuch-Debüt ziemlich ernüchtert zurücklässt. 

Eine Seuche hat den Großteil der US-amerikanischen Bevölkerung dahingerafft. Die überlebenden Mädchen brachte man in ein Internat. Während sich die Erwachsenen daran machten, eine der Städte wieder bewohnbar zu machen. In genau so einem Mädcheninternat finden wir uns zu Beginn der Handlung wieder. Es der Tag vor der Abschlussfeier. Eve - unsere Protagonistin - freut sich darauf nach den 12 Jahren in der Schule mehr über Kunst zu erfahren und zu malen, denn sie möchte Künstlerin werden. Aber Arden einer ihrer Mitschülerin, die Außenseiterin Arden, erklärt Eve, dass nichts so ist, wie sich die Mädchen das erträumt haben. 

Zuerst war ich begeistert davon, dass die Bombe in den ersten Kapiteln platzt und Eve in die Wildnis flüchtet. Im Nachhinein hätte ich mir jedoch gewünscht, dass Eve zu einem späteren Zeitpunkt flüchtet: Arden hätte die Bombe wie gehabt platzen lassen. Es hätte dann aber mehr zu Eve gepasst, das Ganze als Spinnerei abzutun. Sie ist die Jahrgangsbeste, vollkommen überzeugt vom System der Schulen und voller naiver Träume. Ich hätte sie zuerst die Grausamkeit des Systems spüren lassen und dann eine spektakuläre Flucht organisiert. Nichts desto trotz ist Eve eine sympathische Protagonistin, die sich zwar nur mäßig, aber dennoch vom naiven Schulmädchen zu einer guten Kämpferin entwickelt hat.

Ich tupfte mir die Tränen vom Gesicht und war dankbar, als Pips Atemzüge langsamer wurden. Doch dann überkamen mich Schuldgefühle und eine wachsende Angst, dass ich morgen vielleicht nicht nur eine Rede voller Illusionen und Sehnsucht halten würde. Vielleicht würde ich meine Freundinnen in den Tod führen. S. 25

Obwohl Eve eine gute Protagonistin ist, wäre da noch so unendlich viel Platz nach oben, so viel Potenzial sich zu entwickeln. Mit ein paar Handgriffen könnte Eve zu einer stimmigen, abgebrühten Kämpferin werden. Stattdessen bleibt sie - wie schon erwähnt - auf einem Level und insgesamt blass. Ebenso auch wie die Nebencharaktere. Arden ist eine tolle Figur - und meine heimliche Heldin, aber nachdem die beiden Mädels im Lager von Calebs Bande angekommen, wird sie einfach links liegen gelassen und nur noch selten erwähnt. Auch Caleb erfährt eine lieblose Behandlung. Er ist zwar sympathisch, nett und aufmerksam, aber er ist und bleibt einfach nur der Lover Boy. Sehr schade! 

Insgesamt lag mir die Fokussierung bei den Charakteren zu sehr auf Eve, sodass wir über etwaige Nebenfiguren nichts oder nur kaum Informationen erhalten. Während des "Roadtrips" durch die Wildnis finden wir immer wieder Flugblätter, auf denen aktiv nach Eve gefahndet wird. Gerade dadurch, dass sie "für den König bestimmt" ist, wird ihr eine Rolle zugesprochen, die einfach nicht zu den bisherigen Ereignissen passt. Sie ist doch nur aus dem Internat abgehauen. Warum sollte der König persönlich nur nach ihr suchen lassen - und nicht auch nach Arden? Solche Dinge sind einfach nicht stimmig und wirken wie aus der Luft gegriffen.

Sowohl in der Schule als auch später in der Wildnis hatte ich Liebe für etwas Belastendes gehalten - etwas, das gegen einen verwendet werden konnte. […] Endlich begriff ich die Wahrheit: Liebe war die einzige Widersacherin des Todes, das Einzige, was machtvoll genug war, um es seiner klammernden verzweifelten Gier entgegen zu halten. S. 256

Ein letzes Wort zur Welt, die Anna Carey erschaffen hat: Besonders gefallen hat mir der flüssige Schreibstil der Autorin, die Seiten sind nur so dahin geflogen und auch ihre Beschreibungen der "Wildnis" waren gut gelungen. Allerdings wäre ein wenig mehr Brutalität für eine Welt, wie sie Anna Carey beschreibt angemessen gewesen. In der Wildnis wird ums Überleben gekämpft, da ist man keineswegs nett zueinander, sondern kämpft um Vorräte und Waffen. Ein anderes Beispiel: In der Schule wurde den Mädchen eingetrichtert, dass Männer brutal, machtgierig und manipulierend seien. Umso mehr hätte ich mir gewünscht, dass davon auch ein bisschen gezeigt wird. Und in den Banden hat mir entscheidend eine starke und kalte weibliche Figur gefehlt, um zu zeigen wie kalt, brutal und herzlos Frauen auch sein können.

Zudem hätte ich mich über mehr Beschreibungen der Welt und der Charaktere gefreut. Ich wusste nach 300 Seiten immer noch nicht wie das Wappen des Neuen Amerika aussieht, obwohl es so oft erwähnt, aber nie in Form und Farbe beschrieben wurde. Auch blieben mir viele Charaktere in ihren Beschreibungen zu blass und hatte beim Lesen nie wirklich ein Bild vor Augen.

Fazit

Wo Licht war ist auf jeden Fall ein interessanter Roadtrip durch eine apokalyptische Welt, eine nette Geschichte für zwischendurch, aber mit sehr viel Potenzial nach oben und zur Weiterentwicklung. 100 bis 200 Seiten mehr hätten den Charakteren, der Handlung und der Welt sehr gut getan, um ihr mehr Tiefe und Komplexität zu verleihen.

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